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AG Weltwirtschaft und Finanzen 2011
Papier zum ENA-Workshop, S 12 c Samstag 13.8. 2011
Notwendigkeit,
Strategie und Ziele zur Überwindung des Finanzmarktkapitalismus
von Heinrich Fecher
Ich möchte auf drei Schwerpunkte eingehen
1. aktuelle Situation und Notwendigkeit der Systemtransformation, 2.
Ansatzpunkte, Widersprüche und Probleme,
3. Strategische Ziele
Zu 1.
Aktuelle Situation und Notwendigkeit der Systemtransformation
Der Finanzmarktkapitalismus führt zu einer Verschärfung der
Krisensituation in allen gesellschaftlichen Bereichen. Zum einen hat die
Politik die Krise mitverursacht durch ihre Steuerpolitik der Umverteilung
von unten nach oben schon unter Rot-Grün. Die systemische Überakkumulationskrise
des Kapitals ist dadurch noch verschärft worden. Andererseits betätigen
sich die führenden Politiker in der Krise weitgehend und fast ausschließlich
als Lobbyisten der Banken und Großaktionäre. Ihr Krisenmanagement
löst nicht die Probleme; im Gegenteil sie werden verschärft.
Rettungsschirme für die Banken, daraus resultierende riesige Staatsschulden
werden auf die Bevölkerung abgewälzt - und das europaweit. Die
öffentlichen Ausgaben werden in allen Bereichen eingeschränkt:
Bildung, Gesundheit, soziale Standards und in der Folge privaten Investoren
zugeschanzt. Die gesellschaftliche Spaltung wird enorm verschärft.
Die Bundesrepublik geht im eigenen Land und auf der europäischen
Ebene in allem voran: höchste Niedriglohnquote in der OECD, keine
allgemeinen Mindestlöhne, Exportweltmeister auf Kosten der eigenen
Bevölkerung und der ökonomisch schwächeren EU-Länder.
Darüberhinaus hat die fast völlige Untätigkeit der Regierung,
den Bankensektor effektiv zu regulieren, dazu geführt, dass die Banken
noch weiter gewachsen sind und damit die Risiken für weitere Finanzkrisen,
wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) festgestellt
hat. (junge Welt v. 11.8.2011, S.9) Damit erhält die These von Thomas
Mayer, dem Chefökonomen der Deutschen Bank, die er im Novenber des
letzten Jahres zeitgleich mit Frau Merkel entwickelt hat, einen ganz anderen
Sinn. Er hat behauptet: "Die Staatsverschuldung ist die Keimzelle
einer tödlichen Krankheit", ohne auch nur mit einem Wort auf
die Ursache der riesigen Staatsschulden einzugehen. (Börsenzeitung
v. 10.11.2010, ähnlich Frau Merkel in der FTD einen Tag davor) Es
ist sehr viel näher an der Realität, seine Aussage auf den Finanzmarktkapitalismus
zu beziehen und den Umgang der führenden Politiker mit ihm.
Wie wir jetzt sehen konnten, ist das in den USA nicht anders, zum Teil
noch krasser. Die Steuerpolitik hat dazu geführt, dass inzwischen
1 Prozent der Bevölkerung über 40 Prozent des Vermögens
verfügen. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist der von Ländern
wie Russland und dem Iran vergleichbar. Die Kosten der Krise werden auch
im reichsten Land der Welt auf die Schwächsten abgewälzt. (vgl.
FR v. 30/31. 7., S.3)
Diese Prozesse sind mit einem umfassenden Abbau der Demokratie verbunden.
Die Herrschafttszentren werden immer stärker abgeschottet. Die Parlamente
und Parteien spielen nur noch eine absolute Nebenrolle als Legitimationsbeschaffer
für Entscheidungen, die in informellen Gremien und Kommissionen schon
längst vorentschieden sind. Eine wichtige Funktion als Legitimationsbeschaffer
haben die Ratinagenturen. Sie sind international und nicht nur auf die
USA - wie auch einige linke Autoritäten fälschlich annehmen
- bezogen verankert. Sie werden von den westlichen Industriestaaten unterstützt,
um scheinheilig Objektivität ihrer Ratings vorzutäuschen. Sie
agieren im Interesse der Finanzmarktakteure, indem sie zum Beispiel die
Schrottpapiere mit AAA bewertet haben und die schwächeren europäischen
Staaten ständig herunterstufen, um die Zinsen für Kapitalanlagen
hochzutreiben. (vgl. dazu den ausgezeichneten Artikel von Werner Rügemer,
junge Welt v. 26.7.2011, S. 10)
Die Medien spielen in diesem Prozess eine sehr zwiespältige Rolle.
Auf der einen Seite Aufdeckung der Machenschaften der politischen und
ökonomischen Eliten (besonders ARD, ZDF, Arte, 3sat, oft erst zu
später Stunde), auf der anderen Seite Konsenskampagnen gegen Linke
und die Linkspartei (zuletzt Konstruktion von Antisemitismusvorwürfen
in Bild, Spiegel und FR). Die zunehmende Prekarisierung und Verarmung
größerer Teile der Bevölkerung hat in vielen europäischen
Staaten rechten und rechtsradikalen Parteien einen enormen Aufschwung
verschafft. Das Treffen der Regierungschefs am 21.7. in Brüssel beinhaltet
zwar einen Strategiewechsel in Richtung einer minimalen Entlastung der
ökonomisch schwächeren EU-Staaten, aber insgesamt ist er nichts
anderes als eine neue, raffinierte Form der Sozialisierung der Verluste
zugunsten der Finanzmarktkapitalisten, die die Krise auf die Spitze getrieben
und zu verantworten haben. Die Finanzmarktakteure können ihre alten
im Wert gesunkenen Staatsanleihen gegen stabile des europäischen
Rettungsfonds EFSF tauschen. Ab 2013 werden die Haushalte der Mitgliedstaaten
der EU nach Vorgaben aus Brüssel umgesetzt, was weitere Sparmaßnahmen
zu Lasten der Bevölkerung bedeutet. Die nationalen Parlamente sind
abgeschaltet. (vgl. Conrad Schuhler, isw München)
Angesichts dieser Situation ist es unbedingt erforderlich eine umfassende
Gegenposition zu entwickeln.
Zu 2.
Ansatzpunkte, Widersprüche und Probleme
Die Widersprüche nehmen in allen Bereichen zu. In Griechenland,
Spanien und Portugal sind die Proteste und Aktionen gegen das Austeritätsprogramm
der Troika von EU-Kommission, EZB und IWF am deutlichsten entwickelt.
An der Politik, das dieses Dreierbündnis, politisch abgesichert durch
die hegemoniale Führung Merkels und Sarkozys, gegenüber Griechenland
exekutiert, wird ein ökonomisch durchgesetzter Imperialismus mit
der Troika als Wirtschaftskriegsfeldherrn und Oberstrategen am deutlichsten.
Rigide Sparprogramme auf Kosten der Unterschichten und Ausverkauf der
öffentlichen Güter (Hafenanlagen, Verkehrssysteme usw.) an kapitalkräftige
ausländische Investoren. In den anderen Staaten sind die Aktivitäten
noch recht unübersichtlich, minoritär und gespalten. Das liegt
einmal sicher an den von Land zu Land recht unterschiedlichen Levels der
Prekarisierung. Zum anderen gelingt es der Gegenseite angesichts der Komplexität
der Zusammenhänge immer wieder durch die Problematisierung von isolierten
Einzelpunkten: Schuld ist die griechische Regierung, der Euro, die zu
hohen Staatsausgaben, "dass wir über unsere Verhältnisse
leben" (Merkel und Co.), dass die Steuern für die Unternehmen
immer noch zu hoch sind usw. usf. vom Gesamtzusammenhang des Finanzmarktkapitalismus
und der endlosen Verschiebung seiner Krisemhaftigkeit durch die politischen
Eliten abzulenken. Sie werden dabei unterstützt durch die ausländerfeindliche
Hetze rechter Ideologen, wenn etwa ihr Parteichef in den Niederlanden,
Geert Wilders, die Finanzhilfen für Griechenland so instrumentalisiert:
"Für uns die Arbeit, für sie Souvlaki. Wir schuften, sie
streben nach Ouzo." (FR v. 18.4.11)
Zu 3.
Strategische Ziele
Eine zentrale Voraussetzung, um die hegemonialen Verhältnisse zugunsten
der Bevölkerung zu verändern, ist die Entwicklung einer europaweiten
Perspektive. In Analyse der Ergebnisse des Treffens der Regierungschefs
vom 21.7. hat Attac Frankreich diese Perspektive z.T. entwickelt mit Forderungen
(wir hatten die übrigens auch schon in unseren DB-Flugblättern),
die geeignet sind, die politischen Simplifizierungen aufzubrechen. Diese
Analyse könnte die Diskussionen auf der ENA beflügeln. Andere,
wie David Harvey, sind noch weiter gegangen. Um den zunehmenden Widerspruch
zwischen Demokratie auf der einen Seite und einer Regierungspolitik der
vollständigen Unterwerfung auf der anderen unter die Imperative der
kapitalistischen Profitlogik in Richtung Demokratie umzukehren, hat er
vorgeschlagen, den antikapitalistischen Übergang zu organisieren.
(VSA-Broschüre, November 2010).
Das ist der schwierigste Punkt unter anderem auch deshalb, weil das
Nachdenken über Systemalternativen über Jahrzehnte diffamiert
und tabuisiert worden ist durch den Verweis auf die fatalen Ergebnisse
des Realsozialismus. Vielen Leuten fällt dann meistens nichts anderes
mehr ein. Ich möchte dazu aber wenigstens ein paar Stichpunkte nennen:
Wirtschaftsdemokratie und demokratische Planung auf den verschiedenen
Ebenen von Wirtschaft und Gesellschaft (dazu gibt es in diversen Zeitschriften
eine lebhafte Debatte darüber, wieviel Markt Demokratie vertragen
kann), ökonomische Alphabetisierung im Zusammenhang auch mit Einzelaktionen
zu anderen Schwerpunkten (Atompolitik, Privatisierung, Prekarisierung,
zunehmende Reproduktionsschwierigkeiten in der Arbeit, im Alltag, im kulturellen
Leben auch und gerade der Mittelschichten, Hunger und Elend besonders
in afrikanischen Ländern, die vom Westen organisierten Kriege, Internationalismus),
Bündnisse über die verschiedenen Spektren hinweg (NGOs, Organisationen
der sozialen Bewegung, Gewerkschaften, ökumenische Organisationen
der Kirchen, also Intensivierung dessen, was Attac schon eingeleitet hat).
Theoretisch müßte im Zentrum stehen die Verknüpfung der
Analysen der Zusammenhänge der verschiedenen Krisensektoren und Auseinandersetzungen.
Immer wieder der organisierte Widerspruch gegen das ins Spiel bringen
nur von Einzelfaktoren. Diese Positionen sind falsch, ideologisch, herrschaftskonform,
rechts und einfältig.
Es gibt im linken Spektrum etwas Neues, um die herrschenden Verhältnisse
zum Tanzen zu bringen: viele Gemeinsamkeiten in der Analyse und z.T auch
in der Perspektive, wohin es gehen soll, abzulesen an den Artikeln im
Argument, der Prokla, im Widerspruch, Sozialismus z.T. bis in die Memorandum-Gruppe
und Strömungen in den Gewerkschaften besonders bei Verdi. Diese Entwicklung
ist sicher, wie andere positive Entwicklungen auch, durch die erleichterten
Kommunikationsmöglichkeiten des Internet über die verschiedenen
Spektren hinweg in Gang gekommen.
Was in diesen Bereich noch etwas unterentwickelt ist, ist die Wahrnehmung
der emanzipatorischen Potentiale der Alltagsästhetik und mancher
populären Bereiche des Fernsehens, z.B. der Tatortkrimis, der leichteren
Musik (Konstantin Wecker, van Dannen, Stoppok,v. Goisern, Attwenger, Blumfeld,
Die Goldenen Zitronen u.a.) und bisweilen sogar der Tanzmusik als eine
Methode, die Individuen von den Fesseln ihrer Herkunftsmilieus freizumachen.
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